„Die Quarantäne ist wie ein Gefängnis zu Hause. Aber als Frau bin ich schon mein ganzes Leben in Quarantäne gewesen. Als Studentin durfte ich nicht ausgehen. Es spielte keine Rolle, ob das Wetter kalt oder heiß war, wir Frauen sollten zu Hause bleiben. Später, als ich heiratete, war es genauso. Um ehrlich zu sein, bemerke ich kaum einen Unterschied zur Corona-Quarantäne. Ich darf nicht ins Kino, nicht ins Theater, nicht in die Taverne oder zu Freunden Nachhause. Na und? Für mich war es nie anders.“

Efi Pisimisi Mpitha (Athen/Griechenland)

Der Dokumentarfilm WALTRAUD GEHT SPAZIEREN zeigt Seniorinnen, die durch ihr Frausein im 20. Jahrhundert weitestgehend unsichtbar geblieben sind. Der Ausbruch der Corona-Pandemie wirkt nun wie ein Brennglas auf diese Unsichtbarkeit, denn die Generation, die am meisten vor dem Virus geschützt werden soll, wird hermetisch abgeriegelt und noch unsichtbarer als vorher.

„Seit März hatte ich zweimal Besuch. Ich war eigentlich trotzdem immer heiter, nicht depressiv oder so… aber ich hab so viel Fernsehen geguckt, dass ich fast einen viereckigen Kopp hatte. Dann bin ich runter und hab im Garten gearbeitet. Als ich mich von meinem Mann getrennt habe, da war da auch so eine Einsamkeit, wo ich keinen an mich rangelassen hab… da bin ich auch immer in den Garten gegangen.“

Lisa Pohl (Düsseldorf/Deutschland)

Die 82jährige Lisa Pohl aus Düsseldorf, die 66jährige Ledis Arroyo aus Barinas/Venezuela und die 93jährige Efi Pisimisi Mpitha aus Athen werden über einige Monate mit der Kamera begleitet und erzählen von ihrem Leben vor und ihres Alltags während der Corona-Pandemie. Sie leben allein, im Kontakt mit ihren jeweiligen Familien, und erleben die Corona-Pandemie weitestgehend von Zuhause aus.

Das Eingeschlossen sein, die Quarantänebedingungen, die Kontaktbeschränkungen, mit denen die Frauen zu kämpfen haben, sind Ausgangspunkt für die Gespräche, sollen aber nicht ihr einziges Thema, sondern lediglich Anknüpfungspunkt sein. Denn gleichzeitig interessiert die Filmemacherinnen die Parallelen und Unterschiede zu den Leben, die die Frauen vorher geführt haben. Hier liegt der Fokus darauf, Frauen, die alle Anfang des 20. Jahrhunderts geboren sind, in ihrem jeweiligen Lebensumfeld sichtbar zu machen.

Dabei untersuchen die Filmemacherinnen anhand ihrer Protagonistinnen Frauenbilder des 20. Jahrhunderts in unterschiedlichen Teilen der Erde in unterschiedlichen politischen Systemen und Religionsgemeinschaften. Die sozialen und gesellschaftlichen Prägungen, die die Protagonistinnen erfahren haben, werden auf Unterschiede und Schnittstellen untersucht. Die Filmemacherinnen stellen den Frauen und damit auch sich selbst und den Zuschauer*innen die Frage: Wie bist du die Frau geworden, als die du mir heute gegenübersitzt?

Parallel zu den Spaziergängen recherchieren die Künstlerinnen mit Hilfe internationaler Kolleginnen zu den gleichen Fragen weltweit und zeichnen über drei Kontinente hinweg kurze Begegnungen via Handyvideo auf. Aus dem Material wird ein Dokumentarfilm erarbeitet, in dem die Großmütter unserer Welt, deren Geschichten und Situationen sichtbar gemacht werden. Die Kamera begleitet die spazieren gehenden Frauen und nimmt dabei eine beobachtende Perspektive ein. Der Film und die Videoschnipsel beginnt mit dem ersten Lockdown 2020 und soll enden, wenn jede der begleiteten Frauen ihre vollständige Impfung erhalten hat.

 

WALTRAUD GEHT SPAZIEREN ist Teil des Langzeitprojekts GRANDMOTHERS OF THE UNIVERSE, in dem sich das Künstlerinnenkollektiv waltraud900 mit den Leben ihrer Großmütter beschäftigt.